Suche nach dem Land ohne Grenzen

 

von Sylvia Breckl, Main-Echo, 2.7.2016

 

Clingenburg-Festspiele: Stehende Ovationen bei der Premiere des Jugendstücks »Jesus Mohammed geht baden«

 

Flucht vor Krieg und Ter­ror in Sy­ri­en, Ver­lust von Hei­mat und Fa­mi­lie, kon­fron­tiert mit Aus­län­der­feind­lich­keit und Neo­na­zis­mus: Das Ein­zel­schick­sal ei­nes Flücht­lings wird auf der Frei­licht­büh­ne der Clin­gen­burg haut­nah spür­bar. Am Don­ners­tag fei­er­te das Pu­b­li­kum in Klin­gen­berg mit ste­hen­den Ova­tio­nen die Pre­mie­re des Ju­gend­stücks »Je­sus Mo­ham­med geht ba­den«.

 

Mit der brisanten Geschichte über den syrischen Flüchtling Isa und die selbstbewusste junge Frau Tine hat Autor Marcel Krohn den Nerv der Zeit getroffen. Mit ihrer authentischen, lebendigen Darstellung rütteln die jungen Hauptdarsteller das Publikum auf und berühren es gleichermaßen: Im Anschluss regte die packende Inszenierung zum Austausch zwischen Zuschauern, Schauspielern, Autor und Regisseur an.

 

Stereotyp oder Realität?

 

Populistische Parolen, Kopftuch-Vorurteile und das biedere Ehepaar, das Angst um Enkel und Rente hat: Was am Anfang in Richtung überfrachtete Stereotypen abzudriften droht, stellt sich alsbald als erschreckend real für die deutsche Gesellschaft heraus. Das Stück erzählt die exemplarische Geschichte von Isa, hervorragend verkörpert vom Kölner Schauspieler Marcus Abdel-Messih, und Tine, herzerfrischend frech und verführerisch gespielt von Franziska Lißmeier. Nach seiner Flucht aus Syrien trifft Isa in Deutschland auf die emanzipierte Tine. Zwischen den jungen Menschen entwickelt sich eine außergewöhnliche Freundschaft, in der beide feststellen, dass sie nicht nur Vorbehalte, sondern auch Gemeinsamkeiten haben. Darauf spielt Krohn schon mit dem Namen der Hauptfigur an: Im Koran heißt Jesus von Nazareth Isa.

 

Was das Zweipersonenstück so fesselnd macht, ist die Unverfälschtheit, mit der die Schauspieler schwindelerregend schnell und glaubwürdig in verschiedene Rollen schlüpfen - vom traumatisierten Kriegsflüchtling zum Schlagstock schwingenden Demonstranten, vom Suren zitierenden Moslem zum vergewaltigenden Nazi. Sie sind beides: Täter und Opfer zugleich. Regisseur Thomas Klischke verzichtet dennoch auf einen intellektualisierenden, politisierenden Umgang mit der Thematik. Das nimmt dem Stoff die Schwere.

 

Stattdessen lässt Klischke seine Darsteller eine fast spielerisch-naive Leichtigkeit, sogar Fröhlichkeit entfalten, zum Beispiel, wenn Isa und Tine sich mit dem Fahrrad auf die Suche nach dem Land ohne Grenzen machen - eine Utopie. »Lass uns nach Mexiko, da sind wir beide Ausländer«, schlägt Tine vor und erkennt: »Überall haben die Menschen Angst, deswegen gibt es Kriege, deswegen gibt es Grenzen.«

 

Zwischen Lachen und Weinen

 

Sprache und musikalische Einsätze verfehlen ihre Wirkung im Stück nicht: Der oft derbe, direkte Gossenslang dringt dem Zuschauer provokant ins Gehör. Szenen von Gewalt und Not schildern Isas Erlebnisse. Pegida-Anhänger marschieren zu klassischer Musik und schwenken deutsche Fahnen. Das Schockierende mag sein, dass die teils klischeehaften Charaktere nah an der Realität sind. Geschickt spielt der Regisseur mit Karikatur und Ernsthaftigkeit, der Zuschauer schwankt zuweilen zwischen Lachen und Weinen. Festspiel-Intendant Marcel Krohn trifft mit »Jesus Mohammed« ins Herz der aktuellen gesellschaftlichen Debatte. Die Fragen, die er stellt, werden nicht nur Jugendliche nach gut anderthalb Stunden Theater bewegen.


29.06.2016

 

Marcel Krohn zur Brisanz des Jugendstücks »Jesus Mohammed geht baden«

 

Wie kamen Sie darauf, selbst ein Stück über das Schicksal eines jungen syrischen Flüchtlings zu schreiben, der in Deutschland sein Glück versucht?

 

Nach der Premiere von »Klara & Abbas« im vergangenen Jahr sind viele Menschen auf mich zugekommen. Das Stück hat zu einer sehr fruchtbaren Debatte angeregt zwischen Zuschauern, Schauspielern und einer Gruppe von Flüchtlingen, die ebenfalls im Publikum saß. Da habe ich gemerkt: Das ist ein alles beherrschendes, gesellschaftliches Thema, das muss ich aufgreifen. Ich habe das Stück eine Zeit lang mit mir herumgetragen, viele Medienberichte verfolgt und vor allem die persönlichen Geschichten über Flüchtlinge gelesen. Es war ein Prozess von etwa acht Wochen, dann stand die Geschichte.

 

Um was geht es in dem Stück?

 

Es begegnen sich zwei junge Menschen, zwischen denen sich eine Art Freundschaft entwickelt, obwohl beide ganz unterschiedlich sind. Und beide nehmen in der Gesellschaft eher eine Außenseiterrolle ein: Isa, 24 Jahre, hat eine schwierige Flucht aus Syrien überlebt und lebt nun als Asylant seit einem Jahr in Deutschland. Tine, 19 Jahre alt, ist eine selbstbewusste junge Frau mit Schreiner-Ausbildung, eher linksintellektuell. Isa ist ein liberaler Muslim, aber dennoch mit einem klaren Rollenbild, mit dem er natürlich bei der emanzipierten Tine aneckt, die ihn wiederum gerne provoziert. Im Gespräch werden Vorurteile offen gelegt, aber auch Gemeinsamkeiten entdeckt.

 

Spielen Sie mit dem Namen Jesus Mohammed auf diese Gemeinsamkeit an?

 

Klar. Isa heißt Jesus von Nazaret im Koran, der Heiligen Schrift des Islam. Länder wie Syrien sind für viele hier erst mal sehr fern, aber je mehr man Menschen kennenlernt, desto mehr wird einem bewusst, dass wir alle ziemlich ähnlich ticken. Völlig egal, wo wir herkommen, wir haben ähnliche Bedürfnisse, Wünsche, Träume und gemeinsame Wurzeln. Was einige immer wieder vergessen: Es gibt die Araber oder die Muslime ebenso wenig wie es die Christen oder die Deutschen gibt. Das erlebt auch Tine, die junge Revoluzzerin. Sie dachte genau zu wissen, wie arabische Männer ticken und erlebt mit ihrem Jesus Mohammed ihr blaues Wunder.

 

Geht es also auch um Fragen nach Identität und Heimat?

 

Ja, natürlich. Wir vergessen häufig: Die Grenzen, die wir heute haben, sind nichts Gottgegebenes, sondern durch Kriege entstanden. Es stellt sich unweigerlich die Frage, ob wir das Recht haben, zu bestimmen, wo Menschen zu leben haben, nur weil sie zufällig in einem bestimmten Land geboren sind. Mir geht es darum, ein paar Dinge zu reflektieren, die uns selbstverständlich erscheinen, weil es uns hier so gut geht. Dazu gehört zum Beispiel das Gastrecht oder das Grundrecht auf Asyl, wie es in der UN-Menschenrechtscharta und der Genfer Flüchtlingskonvention festgelegt ist. Es ist doch absurd, dass wir in der BRD schon immer das Asylrecht haben, aber bis dato keine Möglichkeit, dieses Recht legal in Anspruch zu nehmen, weil die Einreise illegal ist.

 

Welche Botschaft möchten Sie vermitteln?

 

Wenn ich ein Theaterstück schreibe oder inszeniere, habe ich immer die Hoffnung, dass es berührt, dass das Schicksal von Menschen nicht abstrakt bleibt, sondern erfahrbar. Es ist doch etwas völlig anderes, ob ich von Flüchtlingsschicksalen aus den Medien erfahre oder eine ganz persönliche Geschichte höre. Mit dem Theater kann ich versuchen, eine Beziehung zum Geschehen aufzubauen und Empathie zu entwickeln.

 

Sie haben als Autor also eine ganz klare Intention?

 

Meinte Intention ist im Idealfall eine Identifikation mit den Hauptfiguren: Es geht doch darum, dass ich mich frage: Wie würde es mir an der Stelle des anderen gehen? Wie würde ich damit umgehen, wenn mir so etwas widerfahren würde? Isa ist ein Kriegsflüchtling mit drastischen Erlebnissen, er hat Angehörige verloren, Frontex-Soldaten wollten seine Flucht verhindern, sein Freund wurde ermordet, und er weiß nicht, ob er in Deutschland Frieden und eine Perspektive finden wird.

 

Zu welchen Debatten, glauben Sie, kann das Stück anregen?

 

Das Leitthema der Clingenburg-Festspiele 2015 hieß »Ausgrenzung«. Die Spielzeit 2016 orientiert sich an dem Thema »Auflehnung«. Das Jugendstück »Jesus Mohammed geht baden« berührt beide Themenkreise und stellt sich damit in die Mitte der gesellschaftlichen Diskussion: Werden Flüchtlinge mit arabischen Wurzeln ausgegrenzt oder grenzen sie sich selber aus? Genießen sie ein Gastrecht, das sie verwirken können, oder nehmen sie ein unverwirkbares Menschenrecht in Anspruch? Dürfen sie sich auflehnen gegen erlebte Intoleranz und bürokratischen Irrsinn oder müssen sie sich ruhig verhalten?

 

Hört sich an, als wäre das der perfekte Diskussionsstoff für den Ethik-, Religions- oder Geschichtsunterricht?

 

Das Stück ist für jedes Alter gedacht, aber sicherlich vor allem für Jugendliche ab 14 Jahren interessant. Und wir laden gerne Schulklassen ein oder sind bereit, in Schulen aufzuführen. Wir haben ja schon im vergangenen Jahr erlebt, welche Möglichkeit zum Austausch solche Stücke bieten. Gerade, weil es ein allgegenwärtiges Thema ist: Wir alle kennen Menschen mit Migrationshintergrund, sei es im Beruf oder im persönlichen Umfeld. Unsere Kinder kommen in der Schule in Kontakt mit Flüchtlingen und Kindern anderer Herkunft. Wo, wenn nicht hier, können wir gemeinsam darüber reden und gemeinsam Formen des Umgangs finden?

 

Das klingt nach einem politisch sehr eindeutigen Statement...

 

Es ist schon ein politisches Stück, ja, aber nicht ganz so vordergründig. Die Thematik wird aus einer gewissen Naivität heraus behandelt, nicht auf intellektualisierende Art und Weise. Es war auch Anliegen des Regisseurs, beide Seiten darzustellen: die des Flüchtlings, aber auch die des skeptischen Bürgers. Beide Seiten haben ihre Ängste und ihre Vorurteile, beide sind von ambivalenten Haltungen geprägt.

 

Mit Thomas Klischke haben Sie einen erfahrenen und mit dem Preis für »herausragende Inszenierung« der Bayerischen Theatertage ausgezeichneten Regisseur in Sachen Kinder- und Jugendtheater engagiert. Auf welche Regie-Einfälle darf sich das Publikum freuen?

Thomas Klischke liegt die darstellerische Authentizität in besonderer Weise am Herzen. Wenn er zum Beispiel Dialoge, die aus Pegida-Demonstrationen stammen könnten, spielerisch humorvoll, teils auch karikierend umsetzt, ohne die Ernsthaftigkeit zu verlieren. Außerdem setzt er Requisiten mit symbolischem Charakter ein - etwa ein Balancierseil als Mittel zur Abgrenzung. Auch die Fußball-EM wird mit ihrem nationalen Gedanken reinspielen. Die Zuschauer dürfen sich also auf einige Überraschungen freuen.

 

Sylvia Breckl